Newsletter 2018

Ausgabe 01

In diesem Newsletter:

IM TREND | GROKO LÄUTET WENDE BEI PFLEGEBERUFEN EIN

IM FOKUS | DIE ZUKUNFT DER PFLEGE. UNPOPULÄRE PFLEGEHEIME

IM INTERVIEW | JENS NAGEL: „VON ALLEM NICHT GENUG“

IM EIGENER SACHE | NEUES BEI TERRAGON

IN DER PRESSE | RIVIERA WIRD FEINE ADRESSE

Editorial

mit Dr. Michael Held

Liebe Leserinnen und Leser,

im Bundestagswahlkampf wurde das Thema Pflege aus seiner Nische geholt und ist in der politischen Arena angekommen. Zum Glück. Denn nun wird nach einer langen Phase der eher einseitigen und zuspitzenden Berichterstattung über die Zustände in deutschen Pflegeheimen zielorientierter diskutiert. Wir haben es dabei mit einer Vielzahl von Fragestellungen zu tun: Wie wollen wir im Alter leben und im Pflegefall versorgt werden? Wo werden die meisten neuen Pflegeheime benötigt, und in welchen Regionen etablieren sich alternative Modelle der ambulanten Versorgung?

Wie müssen Wohn- und Pflegeimmobilien künftig gestaltet sein? Und vor allem: Wo kommen die vielen Pflegekräfte her, die wir für die adäquate Versorgung der wachsenden Zahl Pflegebedürftiger in Deutschland brauchen?

Es gibt mehr Fragen als Antworten – und das, obwohl es inzwischen innovative Lösungsansätze und viele professionelle Akteure auf dem hiesigen Pflegeheimmarkt gibt. Davon ist in den meisten Publikumsmedien immer noch viel selten zu lesen. Mit unserem ersten Newsletter in diesem Jahr möchten wir helfen, die Informationslücke ein wenig zu schließen. Wir schildern Ihnen unseren Blick auf das Kräfteverhältnis zwischen ambulanter und stationärer Versorgung, diskutieren künftige Wohn- und Versorgungsmodelle und stellen Ihnen eigene Projekte und spannende Neuentwicklungen vor.

So waren wir an der Entwicklung eines Klassifizierungssystems zur Beurteilung von Angeboten des Servicewohnens für Senioren beteiligt; einer Richtlinie für Projektentwickler, Investoren und Betreiber, um Projekte beziehungsweise Wohnangebote den Anforderungen entsprechend auszurichten. Wird das System umgesetzt, können Verbraucher künftig mithilfe eines Sterne-Systems wie bei der Hotelklassifizierung die Leistungen der verschiedenen Anbieter vergleichen.

Ein wichtiger Schritt in Richtung Auswahlmöglichkeit, um die es auf dem heutigen Markt für Seniorenwohnungen eher schlecht bestellt ist. Dieses Geschäftsfeld ist unserer Ansicht nach ein schlafender Riese mit hohem Potenzial.

Ich wünsche Ihnen eine aufschlussreiche Lektüre.

Ihr Dr. Michael Held

Ihr Dr. Michael Held
Vorstandsvorsitzender TERRAGON AG

Zum Anfang des Artikels „Editorial“

Im Trend

GROKO LÄUTET WENDE BEI PFLEGEBERUFEN EIN

SCHLECHTE BEZAHLUNG, ZU WENIG ANERKENNUNG. DER FACHKRÄFTEMANGEL IM PFLEGEBEREICH IST ZUM TEIL HAUSGEMACHT. VOR ALLEM PRIVATE AKTEURE VERSTEHEN DAS FAIR PLAY NICHT.

Das Thema Pflege, so scheint es nun, ist in der Politik angekommen. Erste konkrete Schritte werden auf den Weg gebracht: Union und SPD haben sich bei ihren Koalitionsverhandlungen auf eine bessere Bezahlung in der Alten- und Krankenpflege verständigt. Zusammen mit den Tarifpartnern soll nun dafür gesorgt werden, dass Tarifverträge in der Pflege flächendeckend zur Anwendung kommen. Für die medizinische Behandlungspflege in Heimen sollen 8.000 neue Fachkräfte eingestellt werden. Dabei wissen Insider schon lange: Der aktuelle Engpass bei der Betreuung Pflegebedürftiger resultiert nicht aus fehlendem Investmentkapital, sondern ist vor allem eine Konsequenz aus dem Pflegekräftemangel. Und der kommt nicht von ungefähr. Die schwierige Arbeitsplatzsituation und die schlechte Bezahlung machen den Einstieg in Pflegeberufe für viele junge Menschen schlichtweg unattraktiv. Erst der TV-Talk zwischen Angela Merkel und dem jungen Pfleger während des Bundestagswahlkampfs hat das Thema aus der Nische geholt und einen breiten gesellschaftlichen Diskurs in Gang gebracht. Die Große Koalition schwenkt jetzt um. Die Bezahlung der Mitarbeiter nach Tarif wird von der Pflegekasse refinanziert. Allerdings müssen die Betreiber nachweisen, dass dies bei den Mitarbeitern auch ankommt, was im Grunde eine Selbstverständlichkeit wäre.

Doch insbesondere private Betreiber kritisieren daran eine Einschränkung ihrer unternehmerischen Freiheit. Noch ist einer der wesentlichen Wettbewerbsvorteile der privaten Heimbetreiber, dass sie geringere Personalaufwendungen haben. Dabei wird eine falsche Debatte geführt: Einerseits wünschen sich privat geführte Einrichtungen die Sicherheit der Kostenerstattung durch die Pflegekassen und Kommunen, und zwar unabhängig davon, was sich die Kunden tatsächlich leisten können. Und auf der anderen Seite wollen sie zugleich uneingeschränkte Freiheit bei der Kostenoptimierung, die insbesondere bei dem Hauptkostenblock, den Personalkosten, ansetzt. Unter Fair Play fällt eine solche Geschäftspolitik gewiss nicht. Wer sich Wettbewerbsvorteile durch Unterlaufen der Fachkraftquote und unangemessener Bezahlung sichert, schadet dem Markt und den Menschen. Freude an der Arbeit, ein gutes Betriebsklima und Stabilität in der Belegschaft sind fundamental für die Pflegequalität. Die Bezahlung ist dabei nur ein Faktor, wenn auch ein sehr wichtiger. Die privaten Betreiber haben in dieser Hinsicht noch erheblichen Nachholbedarf. Vor allem, wenn man bedenkt, dass sie meist die moderneren Einrichtungen und somit bessere Arbeitsplatzbedingungen haben und damit allerbeste Chancen, qualifiziertes Personal für sich gewinnen zu können. Das Beispiel der Pflegeeinrichtungen der Agaplesion gAG, dass unserem Unternehmen aus nächster Nähe bekannt ist, zeigt, dass es besser geht: Das hervorragende Betriebsklima führt zu einer hohen Arbeitsplatzzufriedenheit mit geringen Krankenständen und wenig Fluktuation.

Eine Situation, von der die meisten Heime nur träumen können.

Sicherlich führt die höhere Bezahlung auch zu höheren gesellschaftlichen Kosten. Doch die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft kann höhere Aufwendungen durchaus verkraften. Zu einem Gutteil ist der Mangel an Pflegekräften deshalb ein hausgemachtes Problem. Die neuen politischen Weichenstellungen sind richtig und wichtig. Sie werden den Mangel an Fachkräften aber nicht kurzfristig beseitigen können. Als umsetzbare Sofortmaßnahmen stehen derzeit eine modifizierte Fachkraftquote und die Anwerbung ausländischer Pflegekräfte an. Die jetzt gültige Fachkraftquote von 50 Prozent der Pflegemitarbeiter wurde ohne tiefere Begründung festgelegt. Sicher: 50 Prozent klingt irgendwie plausibel. Aber was spricht gegen 40 oder 60 Prozent? Eine wissenschaftliche und praktische Evaluierung steht hier freilich noch aus. Ein anderer Mix der Qualifikationen kann womöglich eine gleichwertige, vielleicht sogar bessere Pflegequalität bringen. Aber nur, wenn dies mit mehr Zeit für die Pflegebedürftigen und mehr Zuwendung verbunden ist. Die Anwerbung ausländischer Pflegekräfte könnte den angespannten Arbeitsmarkt und damit die Situation der Heime sicher entlasten. Dies wäre ein legitimer Weg, wenn zumindest kurzfristig nicht genügend qualifiziertes Personal in Deutschland zur Verfügung steht und absehbar auch nicht kurz- bis mittelfristig in ausreichender Zahl ausgebildet werden kann. Beide Maßnahmen – ein Herabsetzen der Fachkraftquote und die Anwerbung ausländischer Fachkräfte – wären jedoch kontraproduktiv, wenn sie die längst überfällige Aufwertung der Pflegeberufe vereiteln würden. Daher sollten alle Betreiber die gegenwärtige Chance nicht ungenutzt verstreichen lassen, sondern den aktuellen politischen Rückenwind nutzen, um die Situation ihrer Mitarbeiter nachhaltig zu verbessern.

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Im Fokus

DIE ZUKUNFT DER PFLEGE. UNPOPULÄRE PFLEGEHEIME

Endlich scheint die Politik zu begreifen, dass Deutschland in einen veritablen Pflegenotstand schlittert. Und endlich führen wir die notwendigen politischen Debatten, um diesen Notstand doch noch abwenden zu können. Vieles ist zwar Symbolpolitik, aber ernsthafte Verbesserungsschritte scheinen möglich zu sein. Pflege- und Wohnungswirtschaft sollten deshalb den Zeitpunkt nutzen und ihre Lösungsvorschläge in die politische Diskussion einbringen.

Aus unserer Sicht ist es richtig und wichtig, dass der Mangel an Pflegekräften und die damit eng zusammenhängende Arbeits- und Lohnsituation der Pflegekräfte im Mittelpunkt der aktuellen Debatten über die Zukunft der Pflege stehen. Beides ist eine ernste Bedrohung nicht nur für die bestehenden, sondern auch für die zukünftigen Pflegeangebote. (Siehe dazu S. 2, „GroKo läutet Wende bei Pflegeberufen ein“)

Einen entscheidenden Aspekt vermissen wir in der momentanen Diskussion, und zwar die Grundsatz-Frage: Wie wollen wir in Zukunft gepflegt werden? Die daraus resultierende zweite entscheidende Frage fehlt ebenfalls: Wie sehen die materiellen Voraussetzungen zur Umsetzung dieser Wünsche aus? Eines fällt auf: Nichts ist in der deutschen Öffentlichkeit so unpopulär wie die stationäre Pflege, der man am liebsten den Garaus machen würde. Das hat gewiss auch berechtigte Gründe. Dennoch werden für aktuelle Missstände nicht die wahren Urheber benannt. Die wesentliche Ursache liegt in der unzureichenden Finanzierung des Pflegebetriebs und der Pflegeeinrichtungen – und nicht in der unverantwortlichen Profitgier privater Pflegeanbieter oder ausländischer Investoren, wie viele Medien uns gerne glauben lassen wollen. Unkenntnis über die gesetzlichen und betriebswirtschaftlichen Rahmenbedingungen im Pflegebereich hat mitunter skandalöse Zuspitzungen zur Folge, die am Kern der Sache völlig vorbeigehen. Denn: Auch Pflegeleistungen unterliegen wie alle anderen Angebote der Gesundheitswirtschaft den Gesetzen der Marktwirtschaft und haben somit die gleichen Voraussetzungen für gute Leistungen.

DIE DEUTSCHEN WERTSCHÄTZEN IHRE SENIOREN ZU WENIG

Viele Betreiber von Pflegeeinrichtungen leisten hervorragende Arbeit – worüber natürlich niemand schreibt. Sie wissen vor allen Dingen genau, wie ihre Arbeit im Dienste der Pflegebedürftigen weiter verbessert werden könnte. Wir von TERRAGON kennen die Bedürfnisse der Menschen ebenfalls sehr gut und haben Konzepte entwickelt, wie wohnungsnahe, attraktive Pflegeheime heutzutage aussehen sollten. Inzwischen bauen wir solche Einrichtungen als Dienstleister sogar selbst, unter anderem für kirchliche Bauherren, die sich das mit einem langen Anlagehorizont „geleistet“ haben.

Unserer Einschätzung nach wird eine Verbesserung von Betrieb und Unterbringung nur durch höhere Ausgaben in die Pflege möglich sein. Es ist eine Frage der Prioritäten. Andere, insbesondere die nordeuropäischen Länder, wertschätzen ihre Senioren höher und geben im Vergleich zu Deutschland das Dreifache gemessen am Sozialprodukt für die Pflege aus. Das sollte uns zu denken geben und in die Diskussionen um unseren Umgang mit der älteren Generation fairerweise miteinfließen.

Ebenso wie belastbare Zahlen zum künftigen Bedarf: Renommierte Forschungsinstitute prognostizieren angesichts der demografischen Entwicklung bis zum Jahr 2030 einen zusätzlichen Bedarf an stationären Pflegeheimen mit nahezu 300.000 Pflegeplätzen.

Diese Zahl ist durchaus plausibel. Denn die Pflegequote, also der Anteil der Pflegebedürftigen an der Gesamtbevölkerung, und die Heimquote, der Anteil der stationär versorgten Pflegebedürftigen an der Gesamtzahl der Pflegebedürftigen, ändern sich bis dahin kaum. Gleichzeitig stößt aber die familiäre Pflege an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit.

DER ENGPASS IST NICHT DAS KAPITAL, SONDERN DAS PERSONAL

Wir folgen diesen Prognosen nur bedingt. Zwar ist Investmentkapital zum Ausbau der stationären Pflege reichlich vorhanden. Dennoch wird der Mangel an Pflegekräften trotz aller politischen Bemühungen zumindest mittelfristig weiterhin andauern und somit das Wachstum von stationären Pflegeplätzen behindern. In die gleiche Richtung wirkt der Mechanismus, der sich hinter dem Schlagwort „ambulant vor stationär“ verbirgt – die politisch gewollte wirtschaftliche Benachteiligung der stationären Pflege. Last but not least wird die Entwicklung der Grundstücks- und Baukosten die Investitionen in Pflegeheime dort erschweren, wo sie am dringendsten gebraucht werden: in den Ballungsräumen. Dort sind oft schon heutzutage Neubauprojekte nur noch im sogenannten Aufteilergeschäft mit relativ niedrigen Renditen für Kleinanleger umsetzbar.

Ein weiterer Faktor, der die Entwicklung der stationären Pflege beeinflussen wird, sind alternative Wohn- und Pflegeformen, die weiter an Zuspruch gewinnen. Individualisierung ist das Stichwort. Eine Ausdifferenzierung der Versorgungsangebote wird die Folge sein. Für den Moment gilt jedoch: Der Bedarf ist immens, das Angebot in Deutschland deutlich unterentwickelt.

Als das bedeutendste Segment der alternativen Versorgung wird sich das Wohnen mit Service etablieren. Nach einer Recherche von TERRAGON für Gemeinden mit mehr als 5.000 Einwohnern gibt es in Deutschland derzeit 304.000 Wohnungen in 6.903 Einrichtungen in 2.882 Städten. Berechnungen der Prognos AG zufolge fehlen in diesem Segment aktuell etwa 400.000 Wohneinheiten. Bis 2030 wird sich dieses Defizit durch die demografische Entwicklung auf circa 680.000 Wohneinheiten erhöhen.

Um das Potenzial zu heben, muss die Entwicklung von bezahlbaren Wohn- und Betreuungsangeboten für Senioren mit durchschnittlichen beziehungsweise niedrigen Einkommen massiv erhöht werden. Auch werden alternative, kleinteilige und quartiersnahe Versorgungsformen an Bedeutung gewinnen, nicht zuletzt weil die Kommunen das wünschen und sie den Bedürfnissen der Pflegebedürftigen am ehesten entgegenkommen. Ihre Umsetzung in bestehenden Quartieren ist allerdings aufwendig und zeitraubend. Und preiswerter als die klassische stationäre Pflege sind diese Versorgungsformen nicht. Daher stellen sie keine Bedrohung für klassische Pflegeheiminvestments dar.

Wir glauben daran, dass die Umsetzung von alternativen Wohn- und Versorgungsformen, inklusive komplexer Quartierskonzepte, in der Zukunft ein spannendes Feld für Investoren sein wird. Diese Formen sind zwar nur begrenzt für den traditionellen Vertrieb im Teileigentum geeignet. Wichtige institutionelle Anleger haben schon die Zukunftsfähigkeit von Investments in diese Anlageklasse erkannt. Das Beispiel, auch von Investments in bemerkenswerte Projekte von TERRAGON, wird Schule machen.

IN ZAHLEN:

13,3

SO VIELE STUNDEN WENDEN BERUFSTÄTIGE LAUT DGB IM DURCHSCHNITT PRO WOCHE FÜR DIE BETREUUNG PFLEGEBEDÜRFTIGER ANGEHÖRIGER AUF.

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Im Interview

JENS NAGEL: „VON ALLEM NICHT GENUG“

Jedem ist es selbst überlassen, sich Gedanken über seine Lebensumstände im Alter zu machen. Politik, Gesundheits- und Immobilienwirtschaft dagegen müssen Vorsorge treffen. Schließlich kommen die geburtenstarken Jahrgänge bald ins Rentenalter. Experten schätzen, dass 2030 mehr als eine Million Menschen in Deutschland pflegebedürftig sein werden. Doch schon aktuell sind barrierefreie Wohnungen, Konzepte für betreutes Wohnen und Pflegeheimplätze Mangelware. Jens Nagel, Geschäftsführer des schwedischen Immobilieninvestors Hemsö Fastighets AB, über eine Immobilien-Assetklasse, die noch in den Kinderschuhen steckt und die Zukunft des Wohnquartiers.

MW: STUDIEN BELEGEN, DASS DEUTSCHLAND AUF EINEN PFLEGENOTSTAND ZUSTEUERT. MÜSSEN MEHR PFLEGEHEIMPLÄTZE HER?

JENS NAGEL: „VON ALLEM NICHT GENUG“

Jens Nagel: Ja, natürlich. Aber die allein werden das Problem nicht lösen. Denn es gibt ja von allem nicht genug: Angebote für betreutes Wohnen, Service-Wohnen und insbesondere viel zu wenig barrierefreie Wohnungen, wie eine Studie von Terragon ja auch mit Zahlen eindrucksvoll belegt hat. Kurz: Das Wohnund Service-Angebot für verschiedene Phasen des Alters und der Hilfsbedürftigkeit reicht generell nicht aus und ist dazu wenig ausdifferenziert. Wenn es um Autos ginge, würde man sagen: Es gibt nur Porsche oder Polo. Das wird den Wünschen der Menschen nicht gerecht.

MW: DER FOKUS VON HEMSÖ LIEGT DOCH VORNEHMLICH AUF PFLEGEHEIMEN. WARUM INTERESSIERT SIE EIN DIFFERENZIERTERES WOHNANGEBOT? DAS HAT DOCH MIT IHREM GESCHÄFTSMODELL NICHTS ZU TUN?

JENS NAGEL: „VON ALLEM NICHT GENUG“

Jens Nagel: Auch wenn wir Pflegeheiminvestoren sind, sehen wir andere Wohnformen nicht als Wettbewerb an, sondern im Gegenteil als Bereicherung. Eine Grundschule ist ja auch keine Konkurrenz zum Gymnasium. Wir begrüßen es daher ausdrücklich, wenn auf demselben Grundstück oder in unmittelbarer Nähe unserer Pflegeheime verschiedene Wohn- und Betreuungsangebote für Menschen mit und ohne Einschränkungen gemacht werden. Und wenn dabei alles möglichst noch aus einer Hand kommt. Der Quartiersgedanke ist uns wichtig. Wir glauben, dass darin die Zukunft liegt.

MW: IST DAS EIN GRUND, WESHALB SIE SEIT VERGANGENEMJAHR AUCH IN PROJEKTENTWICKLUNGEN INVESTIEREN? UND DIE ERSTEN BEIDEN MIT EINEM VOLUMEN VON 24 MILLIONEN EURO VON TERRAGON ÜBERNOMMEN HABEN?

JENS NAGEL: „VON ALLEM NICHT GENUG“

Jens Nagel Ja, natürlich. Wir waren auf der Suche nach Neubauprojekten und nach einem Partner, der möglichst das gleiche Mind-Set hat wie wir. Also ein bundesweit vernetzter Profi auf dem Pflegeheimmarkt, der wie wir langfristig denkt. Den haben wir in Terragon gefunden.

MW: SIE KÖNNTEN SICH WEITERE GEMEINSAME PROJEKTE VORSTELLEN?

JENS NAGEL: „VON ALLEM NICHT GENUG“

Jens Nagel: Ja, wenn sie die Menschen und die wirtschaftlichen Akteure happy machen. Das ist im gegenwärtigen Marktzyklus nicht ganz leicht: Investiert man in einer Großstadt, hat man aus der Pflegeimmobilie auch nach ein paar Jahren immer noch einen akzeptablen „Restwert“. Wegen der höheren Mieten und Lebenshaltungskosten muss man dort aber mehr Geld für die Pflegekräfte einplanen. In der Provinz kostet Personal weniger, dafür bleibt vom Immobilienwert am Ende weniger stehen. Es kommt auf den Einzelfall an.

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IN EIGENER SACHE

NEUES BEI TERRAGON

AUS TERRAGON INVESTMENT GMBH WIRD TERRAGON AG

Die TERRAGON Investment GmbH firmiert seit Oktober 2017 als TERRAGON AG. Hintergrund für die Anpassung der Gesellschaftsform ist eine veränderte Auftragsstruktur, die sich in den vergangenen Jahren von überwiegend reinen Dienstleistungen hin zu mehr eigenen Projektentwicklungen verlagert hat. „Aktuell haben wir eine gesicherte Projektpipeline mit einem Volumen von etwa 200 Millionen Euro“, erklärt Unternehmensgründer Dr. Michael Held. Als Vorstandsvorsitzender der TERRAGON AG bleibt Held weiterhin für die Geschäftsbereiche Projektinvestments, Unternehmensentwicklung und Kommunikation verantwortlich. Er sieht für die kommenden 20 Jahre ein signifikantes Wachstumspotenzial auf dem Markt für barrierefreie Wohnungen sowie qualitativ hochwertige Senioren- und Pflegeimmobilien und damit auch weitere Expansionsfelder für sein eigenes Unternehmen. Unter dem Dach der TERRAGON AG befinden sich weiterhin die TERRAGON Projekt GmbH, die TERRAGON Vertrieb GmbH und die TERRAGON Wohnbau GmbH.

BEURTEILUNG VON SERVICE-WOHNANGEBOTEN: TERRAGON WIRKT BEI GIF-KLASSIFIZIERUNGSSYSTEM MIT

Der Markt für Seniorenwohnungen ist extrem heterogen und für potenzielle Nutzer kaum zu überblicken. Es fehlen Definitionen und Leistungsbilder, die einen Vergleich von Wohnungen und Service-Angeboten ermöglichen. Indes differenziert sich der Markt immer weiter aus und reicht vom klassischen barrierefreien Mehrfamilienhaus mit buchbaren Service-Angeboten bis hin zu hotelähnlichen Seniorenresidenzen. Im vergangenen Sommer hat die Kompetenzgruppe „Serviceimmobilien“ der Gesellschaft für Immobilienwirtschaftliche Forschung (gif) unter Mitwirkung der TERRAGON AG ein Klassifizierungssystem zur Beurteilung von Angeboten des Service-Wohnens für Senioren vorgelegt. Dieses stellt eine Erweiterung der 2006 vom Deutschen Institut für Normung e. V. entwickelten DIN 77800 dar. Das gif-Klassifizierungssystem soll als Richtlinie für Projektentwickler, Investoren und Betreibern dienen, um ihre Projekte beziehungsweise Wohnangebote den Anforderungen entsprechend auszurichten. Banken und Investoren wiederum können die mit der Klassifizierung verbundenen Checklisten als Grundlage für die Beurteilung von möglichen Ankäufen oder Finanzierungen nutzen. Verbraucher profitieren, allerdings erst, wenn das System von den Anbietern umgesetzt und deren Service-Angebote analog zu den DEHOGA-Hotelkategorien mit ein bis fünf Sternen kategorisiert wurden.

Die niedrigste Qualitätsstufe rangiert unterhalb der DIN 77880 und entspricht einem erweiterten barrierefreien Wohnangebot mit einfachen Service-Angeboten. Luxuriöse Wohnstifte oder Seniorenresidenzen bilden den High-End-Bereich mit fünf Sternen ab. Entscheidende Parameter für die Klassifizierung sind die Kategorien Gebäude, Standort und Service, die wiederum eine Vielzahl von Einzelkriterien umfassen.

Davon entfallen 42 Kriterien auf die Kategorie Standort, 197 auf die Kategorie Gebäude und 64 auf die Kategorie Service.

NEUER HEAD OF CORPORATE DEVELOPMENT AND FINANCE BEI DER TERRAGON AG

Im Oktober 2017 hat die TERRAGON AG Alexander Hubbard-Ford (51) zum neuen Head of Corporate Development and Finance bestellt. Der Immobilienund Kapitalmarktexperte blickt auf eine 25-jährige Karriere im nationalen und internationalen Immobiliengeschäft zurück. Im Fokus seiner beruflichen Laufbahn standen die Bereiche Fondskonzeption und -Management sowie das Vertriebs- und Transaktionsmanagement für marktführende Immobilien-Investmentgesellschaften. Hubbard-Ford war zuletzt fünf Jahre als Head of Asset Management bei

Alexander Hubbard-Ford

Alexander Hubbard-Ford
Unternehmensentwicklung und Finanzen

der Dr. Lübke & Kelber GmbH tätig. Mit seiner langjährigen Expertise und dem gewachsenen europaweiten Netzwerk will er das Wachstum der TERRAGON AG im Zukunftsmarkt Wohnen im Alter aktiv vorantreiben. „Ich freue mich darauf, meinen Teil für die Expansion des Unternehmens beizutragen und dabei mit potenziellen Kooperationspartnern gemeinsame Schnittmengen für eine Zusammenarbeit zu finden“, sagt TERRAGON-Neuzugang Hubbard-Ford.

TERRAGON GEWINNT PBB DEUTSCHE PFANDBRIEFBANK ALS FINANZIERER FÜR Seniorenwohnanlage IN BERLIN-KÖPENICK

Für den Bau von mehr als 200 Seniorenwohnungen auf dem Gelände der leer stehenden Denkmäler „Gesellschaftshaus Grünau“ und „Riviera“ in Berlin-Köpenick haben die Partner TERRAGON und die SAX-Gruppe Tübingen die pbb Deutsche Pfandbriefbank als Finanzierer an Bord geholt. Das Institut stellt für den Bau 58 Millionen Euro zur Verfügung. Das geplante Wohnquartier besteht aus mehr als 200 barrierefreien und hochwertig ausgestatteten 1,5- bis Drei-Zimmer-Eigentumswohnungen sowie 50 Tiefgaragenplätzen. Den Bewohnern stehen außerdem Service- und Freizeitflächen wie Empfang, Clubraum und Wellnessbereich zur Verfügung. Weitere Pflege- und Betreuungsangebote sind auf dem Gelände vorgesehen und können optional in Anspruch genommen werden. Die Anlage wird über insgesamt circa 15.000 Quadratmeter Wohn- und Nutzfläche verfügen. Die Fertigstellung der zwei Bauabschnitte ist bis Ende 2020 geplant.


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IN DER PRESSE

RIVIERA WIRD FEINE ADRESSE

Ihr Dr. Michael Held

16.09.2017

RIVIERA WIRD FEINE ADRESSE

Aus dem einstigen Ausflugslokal wird bis Ende 2019 die erste Seniorenresidenz für gehobene Ansprüche im Ostteil Berlin

MATHIAS STENGEL

Vergleicht man den Markt für betreutes Wohnen in Frankfurt am Main mit dem in Berlin wird deutlich, dass es in der deutschen Hauptstadt erheblichen Nachholbedarf gibt. So belegt eine Studie des Berliner Immobilienentwicklers Terragon aus dem Jahr 2015, dass es in der Main-Metropole im Durchschnitt 10,5 Angebote für betreutem Wohnen auf hundert Über-70-Jährige gibt, was der Spitzenwert bei der Versorgung unter Deutschlands Top-30-Städten ist. Nicht einmal halb soviel gibt es hingegen in Berlin (4,6), was Platz 11 im Ranking bedeutet.

ERHEBLICHER NACHHOLBEDARF BEI SENIORENWOHNUNGEN

Und da Berlin ja bekanntermaßen die bevölkerungsreichste Großstadt des Landes ist, ist natürlich auch der prognostizierte Nachholbedarf am größten. „Wenn Berlin beim betreuten Wohnen den Versorgungsgrad von Frankfurt erreichen will, müssten nach der derzeitigen Altersstruktur der Einwohner 12.135 neue derartige Wohneinheiten gebaut werden“, sagt TERRAGON-Geschäftsführer Michael Held. Da ist noch viel zu tun. Denn nach derzeitigen Prognosen wird sich deutschlandweit der Anteil der über 80-Jährigen von 4,7 Millionen auf 10 Millionen im Jahr 2050 mehr als verdoppeln. Da fragt man sich besorgt, wo in den kommenden Jahren diese vielen altersgerechten Wohnungen entstehen sollen? „Sicher, in der rasch wachsenden Stadt Berlin konkurrieren auch wir als Projektentwickler für altersgerechtes Wohnen mit den anderen Bauunternehmen um die weniger werdenden Baugrundstücke in der Stadt und im Umland“, sagt Held. Aber mit dem richtigen Konzept ließe sich so manche Bestandsimmobilie für altersgerechte Wohnzwecke besser nutzen als für „normale“ Wohnzwecke.

So hat sich TERRAGON, die allein in Berlin seit 1999 bereits 260 Wohnungen für Senioren errichtet hat, auch den Zuschlag für eines der spektakulärsten Sanierungsprojekte bekommen, die Immobilie nebst Grundstück von Riviera und Gesellschaftshaus an der Regattastraße in Grünau im Bezirk Treptow-Köpenick. „Da wir den Uferweg zugänglich lassen und den denkmalgeschützten Saal in unsere Planung integrieren, retten wir ein Baudenkmal, das seit Jahren verfällt und für das es bislang kein wirtschaftlich sinnvolles Nutzungskonzept gab“, sagt Michael Held.

Das Ausflugslokal Riviera nebst Gesellschaftshaus, wo sich zu DDR-Zeiten die Berliner im Biergarten an der Dahme und im Tanzsaal vergnügten, steht seit 1992 leer und verfällt. Trotz vieler Anläufe gab es fast 25 Jahre lang keine erfolgversprechenden Nutzungskonzepte. Bis sich im Dezember 2016 Terragon als neuer Eigentümer präsentierte.

IM KOMMENDEN FRÜHJAHR BEGINNEN DIE BAUARBEITEN

Nach deren Plänen soll das Denkmal zu Teilen erhalten und mit drei- bis vierstöckigen Wohnblocks einer Seniorenresidenz umgeben werden. Die Pläne seien fertig, derzeit laufen letzte Abstimmungen mit der bezirklichen Denkmalschutzbehörde. Der Fahrplan für das insgesamt 70-Millionen-Euro-Projekt steht aber bereits fest. Im Frühjahr 2018 soll Baubeginn sein, Ende 2019/Anfang 2020 sollen die ersten Mieter eine der etwa 190 Wohnungen beziehen. Laut Held ist es „das erste Seniorenwohnheim im Ostteil der Stadt für Wohnen mit Niveau“. Denn bislang gab es dort keine Neubauobjekte im gehobenen Segment. Das exklusive Domizil wird auch exklusive Mietpreise haben. So kostet etwa eine 45 Quadratmeter große Wohnung mit Nebenkosten und Grundservice wie Notruf, Veranstaltungen und Hilfsangeboten 1200 Euro, eine 60-Quadratmeter-Wohnung mit Wasserblick soll ca. 1800 Euro kosten.