Newsletter 2017

Ausgabe 02

In diesem Newsletter:

IM TREND | Neue Projekte

IM FOKUS | Die Pflege muss in die Offensive gehen

IM INTERVIEW |Gabriele Tammen-Parr, Gründerin und Projektleiterin von Pflege in Not

IM EIGENER SACHE | TERRAGON INVESTMENT GmbH

IN DER PRESSE | Barrierefrei Bauen muss nicht teurer sein (Frankfurter Allgemeine Zeitung)

Editorial

mit Dr. Michael Held

Liebe Leserinnen und Leser,

man mag nicht daran denken: Aber jederzeit kann ein Mensch, der uns nahesteht, erkranken und plötzlich der Pflege bedürfen. Eine solche Situation kommt für viele Familien plötzlich und unvorbereitet. Schnelle Entscheidungen sind vonnöten. Sehr oft möchten Menschen ihre Angehörigen in ihrer Nähe behalten und zu Hause pflegen.

Nicht selten resultieren aus solchen Schicksalsschlägen neue Lebensphasen, die weit mehr als ein Jahrzehnt den Alltag prägen und die pflegenden Angehörigen vor gewaltige Herausforderungen stellen. Bei TERRAGON beschäftigen wir uns mit solchen Lebenssituationen. Unser Ehrgeiz ist es, einen Teil dazu beizutragen, die Belastungen der häuslichen Pflege zu reduzieren, indem wir barrierefreie Wohnungen bauen und uns für den Neubau mit entsprechenden Standards stark machen.

Wir wissen, dass die meisten Menschen möglichst lange zu Hause in den eigenen vier Wänden leben möchten. Das Prinzip, dass die ambulante Pflege Vorrang vor der stationären Pflege haben sollte, habe ich immer unterstützt. Doch je länger ich mich mit altersgerechten Wohnkonzepten beschäftige, desto mehr dränge ich darauf, dem Credo „ambulant vor stationär“ eine Zusatz nachzuschicken, der lautet: „Wenn es denn wirklich noch geht.“

Viele pflegende Angehörige überschreiten die Grenzen ihrer Belastbarkeit. Für solche Fälle wollen und müssen wir uns für eine stationäre Pflege einsetzen, die höchste Qualitätsstandards erreicht. Schon heutzutage sind Pflegeplätze knapp. Wenn wir keinen Pflegenotstand wollen, müssen Investoren mehr Geld für neue Pflegeheime bereitstellen, Entwickler neue Pläne vorlegen und Betreiber die kontinuierliche Verbesserung aller Prozesse im Pflegebetrieb vorantreiben.

TERRAGON hat auch in diesem Jahr viele Projekte übernommen, aus denen Immobilien hervorgehen, die der demografischen Entwicklung gerecht werden. Auf diesem Weg wollen wir weitermachen.

Ich wünsche Ihnen eine angenehme und aufschlussreiche Lektüre!

Ihr Dr. Michael Held

Ihr Dr. Michael Held
Geschäftsführer
TERRAGON INVESTMENT GmbH

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Im Trend

Neue Projekte

Von Hamburg und Hannover über Berlin und Dresden bis München baut TERRAGON neue Wohnanlagen.

TERRAGON hat in diesem Jahr mit der Umsetzung von Bauprojekten mit einem Gesamtinvestitionsvolumen von rund 200 Millionen Euro begonnen. „Damit ist unsere Projektpipeline sehr gut gefüllt, wir sind aber weiterhin auf der Suche nach interessanten Grundstücken für unsere diversifizierte Produktpalette“, sagt TERRAGON-Geschäftsführer Dr. Michael Held.

Drei Projekte für betreutes und barrierefreies Wohnen mit einem Investitionsvolumen von 100 Millionen Euro entstehen in Berlin. Zwei Pflegeheimprojekte mit 205 Pflegeplätzen und etwa 200 betreuten Wohnungen mit einem Investitionsvolumen von 72 Millionen Euro errichtet TERRAGON im Hamburger Raum. In München steht das Unternehmen mit zwei Projekten in den Startlöchern, die ein Gesamtinvestitionsvolumen von 30 Millionen Euro haben. In Hannover wurde TERRAGON mit der Begleitung von zwei Bebauungsplänen für rund 90.000 Quadratmeter Geschossfläche beauftragt. Und in Dresden ergänzen zwei Neubauten mit 44 barrierefreien und betreuten Wohneinheiten eine denkmalgeschützte, frisch sanierte Villa plus Remise mit sieben Wohnungen. Einige dieser Projekte möchten wir Ihnen im Folgenden näher vorstellen.

HOCHWERTIGE SENIORENWOHNANLAGE IN VILLENVIERTEL VON DRESDEN

In Dresden entwickelt TERRAGON eine hochwertige Seniorenwohnanlage in zentraler Lage im Villenviertel Blasewitz. Auf dem etwa 5.200 Quadratmeter großem Grundstück befindet sich eine denkmalgeschützte Villa mit Remise, die um zwei Neubauten in klassisch-historisierender Architektur sowie einer Tiefgarage ergänzt wird. Es handelt sich dabei um eines der letzten Grundstücke mit einer denkmalgeschützten VilIa historischer Prägung in Dresden. Insgesamt entstehen 51 Wohnungen. 44 barrierefreie und betreute Wohneinheiten mit großzügig geschnittenen und flexiblen Grundrissen in den zwei Neubauten und sieben in der Villa. Der Baubeginn soll Anfang 2018 erfolgen, die Fertigstellung ist für das Jahr 2019 geplant.

Die Neubau-Villen sind barrierefrei und hochwertig ausgestattet mit Balkon oder Loggia, Parkett, Fuß-bodenheizung und einer Videogegensprechanlage. Neben einigen Drei-Zimmer-Wohnungen mit bis zu 95 Quadratmetern wird die überwiegende Anzahl der Wohneinheiten über zwei Zimmer mit einer Größe zwischen 52 und 67 Quadratmetern verfügen. Die Villa wird voraussichtlich in fünf Wohnungen aufgeteilt, die Remise in zwei Wohneinheiten. Für eine professionelle Servicebetreuung in der Seniorenwohnanlage wird ebenfalls gesorgt sein. Neben einem obligatorischen und fein abgestimmten Grundservice werden individuelle Wahlleistungen angeboten. Der stilvolle Salon und die parkähnliche Gartenanlage sollen den Bewohnern Raum für gesellschaftliche Begegnungen bieten.

ROHBAU FüR BARRIEREFREIES MEHRFAMILIENHAUS IN BERLIN-BIESDORF

Im Auftrag der STADTWOHL Berlin GmbH entwickelt TERRAGON als Generalübernehmer 53 weitestgehend barrierefreie und damit auch altersgerechte Wohneinheiten in Berlin-Biesdorf. Die Zwei- bis Dreizimmerwohnungen werden jeweils zwischen 50 und 111 Quadratmeter groß sein. Der Neubau des Mehrfamilienhauses entsteht auf einem etwa 5.800 Quadratmeter großen Grundstück neben dem denkmalgeschützten und bereits revitalisierten Altersheim St. Josef. Es ist in eine parkähnliche Gartenanlage eingebettet und grenzt an einen kleinen Flusslauf.

Die Höhe des fünfgeschossigen Neubaus mit einer Gesamtnutzfläche von etwa 5.200 Quadratmetern orientiert sich an dem unter Denkmalschutz stehenden Nachbargebäude. „Wie bei unseren aktuellen Projekten in Berlin-Grünau oder Dresden-Blasewitz sind wir auch in Biesdorf daran interessiert, den Neubau architektonisch optimal an angrenzende Baudenkmäler und in die Umgebung zu integrieren“, erläutert Dr. Held. Baustart war im April 2017. Die Fertigstellung ist für das dritte Quartal 2018 vorgesehen.

SENIORENWOHNANLAGE IN BERLIN-REINICKENDORF

Im Berliner Bezirk Reinickendorf ergänzt TERRAGON eine Seniorenwohnanlage durch 54 barrierefreie und betreute Neubauwohnungen. Die Wohneinheiten mit einer Größe zwischen 42 und 90 Quadratmetern werden mit Balkon oder Terrasse, Parkettboden und Fußbodenheizung ausgestattet. Außerdem entstehen 23 Tiefgaragenplätze. Der Baubeginn ist für Frühjahr 2018 vorgesehen. Nach der Fertigstellung der zwei Neubauten wird die Seniorenwohnanlage aus insgesamt 101 Wohnungen bestehen.

Alle schimpfen über Aufteiler – wir nicht Alle schimpfen über Aufteiler – wir nicht

Betreutes Wohnen wird bereits in den Bestands- und zukünftig auch in den Neubauwohnungen angeboten. Betreiber der Anlage ist die Diakonie-Pflege Reinickendorf gGmbH. Für die Quartiersentwicklung hat TERRAGON mit der Diakonie-Pflege Reinickendorf, mit dem EJF (Evangelisches Jugend- und Führsorgewerk), einer benachbarten Sozialstation, einer Tagespflegeeinrichtung sowie mit einem stationären Pflegeheim kooperiert.


Die Wohnanlage entsteht am historischen Dorfanger von Alt-Wittenau an einem ruhigen, naturnahen Standort in direkter Nähe zu Parks und Grünflächen. Trotz der grünen Lage ist die Seniorenwohnanlage nur neun Kilometer vom Berliner Stadtzentrum entfernt. Die historischen Baustrukturen der 1930er-Jahre prägen das Bild der Nachbarschaft, welche umfangreiche Einkaufsmöglichkeiten und medizinische Versorgung mit optimalen Voraussetzungen bietet. Unterstützt werden die derzeitigen und künftigen Bewohner durch einen umfangreichen Service der Diakonie-Pflege Reinickendorf gGmbH.

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Im Fokus

Die Pflege muss in die Offensive gehen

Stationäre Pflegeeinrichtungen sind oftmals besser als ihr Ruf. Die Stärken der Heime werden aber oft nicht deutlich genug herausgestellt. Die Alternative – die häusliche Betreuung von Pflegebedürftigen – wird zwar von den meisten Betroffenen bevorzugt und ist auch aus Kostengründen die günstigere Option. Doch nicht immer können die Angehörigen die Belastungen über einen längeren Zeitraum schultern.

Jeder zweite Deutsche fürchtet, im Alter nicht das passende Pflegeheim oder den passenden Pflegedienst zu finden. Das ist das Ergebnis einer Umfrage der Bertelsmann Stiftung, die vom Meinungsforschungsinstitut Kantar Emnid durchgeführt wurde. Fast zwei Drittel der Befragten (63 Prozent) zweifeln daran, dass es in den Einrichtungen genug Personal gibt. Von denen, die bereits selbst nach Pflegemöglichkeiten gesucht haben, glauben sogar 73 Prozent, dass es mit der Anzahl der Mitarbeiter in den Heimen „eher schlecht“ oder „sehr schlecht“ bestellt ist.

Objektive Informationen über die Qualität von Pflegeheimen sind kaum verfügbar. Der „Pflege-TüV“, der genau das leisten sollte, hat spätestens seit dem vergangenen Jahr an Glaubwürdigkeit verloren, als ein mit der Note 1,8 bewertetes Heim aus Hamburg-Langenhorn von den Behörden wegen gravierender Mängel geschlossen wurde. An der Notenbewertung des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung (MDK) bestehen seitdem erhebliche Zweifel.

Fast alle Befragten wollen zur Beurteilung der Heime verlässliche Daten zur Pflegequalität (94 Prozent), zur Ausstattung von Pflegeheimen (92 Prozent) und dem Personaleinsatz (88 Prozent) erhalten. Doch von einer solchen Qualitätsberichterstattung ist die Branche noch weit entfernt. Stattdessen kursieren immer wieder Berichte über Qualitätsmängel in deutschen Pflegeheimen, die in Extremfällen bis zur Gewalt gegen Bewohner reichen.

DIE QUALITäT HAT SICH VERBESSERT

Dabei ist es fraglich, ob die Pflegeheim-Betreiber insgesamt so viel Negativ-Berichterstattung verdient haben. Für die große Mehrheit – abgesehen von einigen schwarzen Schafen – wären sicher bessere Beurteilungen gerechtfertigt. Viele Pflegebedürftige und deren Angehörige registrieren durchaus, mit wie viel Engagement und Fachwissen tagein und tagaus Menschen – oft in schwieriger Lage – in der stationären Pflege geholfen wird. „Es gibt viele gute Pflegeeinrichtungen. In den vergangenen 20 Jahren hat sich viel bewegt. Die Qualität hat sich verbessert“, sagt beispielsweise die Sozialpädagogin Gabriele Tammen-Parr, die in Berlin-Kreuzberg Angehörige von Pflegebedürftigen berät (Siehe Interview auf Seite 8).

Doch die Betreiber und Investoren von Pflegeheimen selbst weisen auf diese Leistungen kaum hin. Geklagt wird – berechtigterweise – über fehlende Arbeitskräfte auf dem Arbeitsmarkt. Durchschnittlich dauert es 138 Tage, bis eine Pflegestelle neu besetzt wird – das sind 62 Prozent mehr als in anderen Berufen. über die Pflegerinnen und Pfleger, die in zahlreichen überstunden den Missstand ausgleichen, werden dagegen weniger Worte verloren.

Dabei entlasten sie maßgeblich den größten Pflegedienst Deutschlands – nämlich die Familie. „Ambulant vor stationär“, lautet die Forderung der Politik, die damit viel Beifall erhält, denn die Betreuung in den eigenen

Die Pflege muss in die Offensive gehen

vier Wänden ist der Wunsch der meisten Pflegebedürftigen ebenso wie der ihrer Angehörigen.

Jedoch besteht ein Risiko darin, innerhalb dieser Diskussion den eklatanten Mangel an Pflegeplätzen in Deutschland aus den Augen zu verlieren. „Ambulant vor stationär“ ist richtig, aber nur bis zu einem bestimmten Punkt. Viele Angehörige sind mit der häuslichen Pflege ihrer Partner oder Eltern, die weit über zehn Jahre andauern kann, irgendwann völlig überfordert. Es fehlt an der Ausbildung für spezifische Krankheitsbilder und vor allem an der Kraft, über Jahre hinweg die intensive Pflege zu schultern. Oft sind auch die Wohnungen für die Pflege ungeeignet. Barrierefreier und -armer Wohnraum ist schließlich rar. Die emotionale Belastung bei den pflegenden Angehörigen kann unter diesen Umständen stark ansteigen und im Extremfall zu Gewalt gegen die pflegebedürftigen Verwandten führen.

AMBULANT UND STATIONäR

Die stationäre Pflege darf in solchen Fällen nicht tabuisiert werden. „Ambulant und stationär“ muss es daher heißen. Wichtig ist dafür aber, dass das Vertrauen in die Pflegeheime wächst und auch die Kapazitäten durch Neubau gesteigert werden. Schon heutzutage sind freie Plätze in den Heimen der näheren Umgebung oft nicht zu bekommen. In den nächsten Jahren steigt der Bedarf an Plätzen stärker als der gegenwärtige Neubau. Bis 2020 werden 150.000 zusätzliche Pflegeplätze benötigt, bis 2030 sogar 290.000. Tatsächlich entstehen im Neubau derzeit jedes Jahr weniger als 15.000 neue Plätze. Den Pflegeheimen beschert die Entwicklung hohe Auslastungsquoten, die aber auf den zweiten Blick gar nicht so erfreulich sind. Denn unter der Knappheit an Pflegeplätzen leiden der Wettbewerb, die Qualität und das Image. Die Investitionsanreize sind gering, wenn die Heime selbst in sanierungsbedürftigem Zustand gut belegt sind.

Zu den größten Problemen der Branche gehört der Mangel an Fachkräften und Auszubildenden. Der Gesetzgeber will die Pflegeberufe attraktiver machen, indem die Berufsbilder des Kranken-, Kinder- und Altenpflegers durch eine kostenlose generalistische Ausbildung zur Pflegefachkraft ersetzt werden. Im Anschluss daran können Absolventen ein Pflegestudium belegen. Höher qualifizierte und universell einsetzbare Pfleger dürfen sich in Zukunft auf höhere Löhne und ein Ausbildungsentgelt freuen.

Die Betreiber von Pflegeheimen sowie die Investoren sind aber gut beraten, wenn sie ihrerseits Grundlagen für die Attraktivität der Pflegeberufe schaffen – und dazu gehört das Image der Heime. Die Stärken der stationären Pflege müssen offensiv in der öffentlichkeit vertreten werden, ebenso wie die erbrachten Leistungen und die Qualität des Pflegepersonals. Dazu gehören Investitionen in den Neubau und in bestehende Heime. Etwas geringere Auslastungsquoten sind betriebswirtschaftlich zu stemmen und erhöhen die Anreize für Investitionen in die Qualität.

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Im Interview

„Mit der Zeit stoßen viele pflegende Angehörige an ihre Grenzen“

Gabriele Tammen-Parr und ihr Team unterstützen mit der Beratungsstelle Pflege in Not Menschen, die Angehörige zu Hause pflegen. Sie kennt die Probleme, die sich aus der jahrelangen Betreuung der pflegebedürftigen Lebenspartner oder Eltern ergeben können. Einen generellen Ratschlag, ob die ambulante oder stationäre Pflege besser ist, kann man nicht geben, sagt die Sozialpädagogin aus Berlin-Kreuzberg. Jede Familie muss die passende Lösung für den Pflegebedürftigen individuell finden.

MW: Die Familie gilt als der größte Pflegedienst der Nation. Welche Probleme gehen damit einher?

Gabriele Tammen-Parr, Gründerin und Projektleiterin von Pflege in Not

Gabriele Tammen-Parr: Ja, drei Viertel der Pflegebedürftigen Menschen werden in Deutschland zu Hause betreut. Die durchschnittliche Pflegezeit beträgt zehn Jahre. Etwa 80 Prozent der Pflegenden sind Frauen – vor allem Ehefrauen oder Töchter. Alle fangen sehr engagiert an. Pflegesituationen entstehen ja oft von heute auf morgen, zum Beispiel nach einem Schlaganfall. Die meisten Angehörigen wollen ihre Partner oder Eltern zu Hause pflegen und die Pflegebedürftigen wollen auch zu Hause bleiben. Aber mit der Zeit stoßen viele pflegende Angehörige an ihre Grenzen. Neuere Untersuchungen gibt es dazu nicht. Im Jahr 2008 hat Infratest eine Umfrage gemacht, der zufolge sich 42 Prozent der pflegenden Angehörigen schwer belastet, 21 Prozent sogar extrem überfordert fühlen.

MW: Warum ist Pflege zu Hause so schwer?

Gabriele Tammen-Parr, Gründerin und Projektleiterin von Pflege in Not

Gabriele Tammen-Parr: Es sind mehrere Gründe. Einmal vollzieht sich mit der Pflegebedürftigkeit oft ein Rollentausch – zum Beispiel, wenn der bislang dominante Mann plötzlich auf die Hilfe seiner Frau angewiesen ist. Den Kindern fällt es oft schwer, die Führung zu übernehmen, wenn sie ihre Eltern pflegen müssen. Mitunter sperren sich die Eltern auch gegen Hilfe von außen. Oft brechen auch wieder alte Konflikte auf: Ihr habt mich doch nie richtig geliebt, und jetzt soll ich euch pflegen? Auch unter Geschwistern kann es rumoren: Du hast immer mehr bekommen und jetzt kümmerst du dich nicht. Man merkt dann, wie viele Verletzungen und Kränkungen existieren.

MW: Aber die Belastung hängt auch von der Art der Pflegebedürftigkeit ab, oder?

Gabriele Tammen-Parr, Gründerin und Projektleiterin von Pflege in Not

Gabriele Tammen-Parr: Ja, besondere Probleme treten bei Demenzkranken auf. Das bringt die pflegenden Angehörigen häufig emotional an die Grenzen. Der Partner wird ihnen fremd, es ist kein Austausch mehr möglich. Sie führen mehr und mehr ein isoliertes Leben. Demenz kann die Pflege sehr schwer machen. Demente sind häufiger von Gewalt bedroht als Pflegebedürftige mit anderen Krankheitsbildern. Man sagt, dass Krebskranke liebevoller versorgt werden als Demenzkranke.

MW: Wie kann man helfen?

Gabriele Tammen-Parr, Gründerin und Projektleiterin von Pflege in Not

Gabriele Tammen-Parr: Bei pflegenden Angehörigen machen sich irgendwann Aggressionen bemerkbar. Aber sie versuchen meist die aggressiven Gedanken und Gefühle zu verbergen, weil sie sich schämen. Ich sage in diesen Fällen: Aggressionen sind wichtig. Aggressionen geben wichtige Hinweise und sollten als Anlass dienen, etwas zu verändern. Die Pflege des Angehörigen wird schnell zur Lebensaufgabe. Die pflegenden Angehörigen treten als Person zurück. Sie müssen sich fragen, ob es noch freudige Momente in ihrem Leben gibt.

MW: Wenn die nicht mehr da sind: Wie können pflegenden Angehörigen wieder zu freudigen Momenten kommen?

Gabriele Tammen-Parr, Gründerin und Projektleiterin von Pflege in Not

Gabriele Tammen-Parr: Die pflegenden Angehörigen sollten mit ihren Kräften haushalten. Es besteht die Möglichkeit, die Pflegebedürftigen mal in die Kurzzeitpflege oder in die Tagespflege zu geben. Die Tagespflege ist vor allem für pflegende Angehörige, die berufstätig sind, eine große Entlastung. Auch Gesprächs- oder Selbsthilfegruppen für pflegende Angehörige können eine gute emotionale Unterstützung sein.

MW: Ist die stationäre Pflege in diesen Fällen nicht die bessere Option?

Gabriele Tammen-Parr, Gründerin und Projektleiterin von Pflege in Not

Gabriele Tammen-Parr: Ich gebe da keine Empfehlungen. Oft stehen Versprechen im Raum. Ehepartner haben sich gegenseitig oft zugesichert, dass sie nicht in einem Pflegeheim alt werden müssen. Die Möglichkeit des Pflegeheims sollte aber nicht generell ausgeschlossen werden. Die Pflege zu Hause ist in vielen Fällen machbar, aber sie sollte nicht um jeden Preis fortgesetzt werden, wenn es eigentlich nicht mehr geht.

MW: Warum tun sich die pflegenden Angehörigen so schwer, ihre pflegebedürftigen Verwandten in die stationäre Pflege zu geben? Sind die Einrichtungen so schlecht?

Gabriele Tammen-Parr, Gründerin und Projektleiterin von Pflege in Not

Gabriele Tammen-Parr: Nein, es gibt viele gute Pflegeeinrichtungen. In den vergangenen 20 Jahren hat sich viel getan. Die Qualität hat sich verbessert. Und die Einrichtungen haben oft Möglichkeiten, die es zu Hause nicht gibt. Für Demenzkranke mit Weglauftendenz kann zum Beispiel ein langer Flur im Heim oder ein großer Garten hilfreich sein. Aber den Heimen haftet natürlich immer auch der Ruf an, der Ort für die finale Pflege zu sein. Das schürt ängste. Und das Leben in Pflegeeinrichtungen erfordert Anpassungen, mit denen sich viele ältere Menschen schwer tun, und die Angst besteht, dass die eigenen Bedürfnisse und die Selbstständigkeit nicht berücksichtigt werden. Die Kosten für die Unterbringung spielen natürlich auch oft eine Rolle.

MW: Im Gegensatz zu pflegenden Angehörigen arbeitet in den Einrichtungen ausgebildetes Pflegepersonal. Wie wichtig ist diese Ausbildung?

Gabriele Tammen-Parr, Gründerin und Projektleiterin von Pflege in Not

Gabriele Tammen-Parr: Altenpflege ist ein sehr anspruchsvoller und interessanter Beruf. Es ist ein großes Wissen erforderlich, es müssen Kenntnisse zu diversen Krankheitsbilder bekannt sein. Neben der körperlichen Belastung gibt es natürlich auch eine emotionale Belastung, weil der Umgang mit Sterben, Trauer und Tod zum Berufsalltag dazu gehört. Wir können nicht genug wertschätzen, was durch die Altenpflege für unsere Angehörigen täglich geleistet wird.

MW: Welche Möglichkeiten haben pflegende Angehörige, um nötige Qualifikationen zu erlangen?

Gabriele Tammen-Parr, Gründerin und Projektleiterin von Pflege in Not

Gabriele Tammen-Parr: Pflegende Angehörige haben die Möglichkeit, sie zu erwerben. Die Pflegekassen bieten Kurse für bestimmte Krankheitsbilder an. In vielen Städten – beispielsweise in Berlin – gibt es vielfältige Hilfsangebote.

MW: Wie sehr wird die häusliche Pflege erschwert, weil kein barrierefreier Wohnraum zur Verfügung steht?

Gabriele Tammen-Parr, Gründerin und Projektleiterin von Pflege in Not

Gabriele Tammen-Parr: Die Pflege ist natürlich schwieriger, wenn die Wohnung Barrieren hat. Wenn ein Umbau möglich ist, kann das zu einer großen Entlastung führen. Wenn ein Pflegebedürftiger zum Beispiel nicht ins Badezimmer kommt und im Wohnzimmer gewaschen wird – dann wird Pflege wirklich schwer.

PFLEGE IN NOT

berät pflegende Angehörige bei Problemen in der häuslichen Pflege. Träger ist das Diakonische Werk Berlin Stadtmitte e.V. Telefonisch ist Pflege in Not unter 030 / 69 59 89 89 erreichbar.

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IN EIGENER SACHE

TERRAGON INVESTMENT GmbH

MARTIN LINZ WIRD GESCHäFTSFüHRER DER TERRAGON PROJEKT GMBH

Martin Linz bildet künftig zusammen mit Jonas Rabe (operativer Geschäftsführer) und Jörg Gunne (kaufmännischer Geschäftsführer) die Führungsebene der TERRAGON PROJEKT GmbH, die innerhalb der TERRAGON-Unternehmensgruppe auf Projektentwicklung und Projektmanagement spezialisiert ist.

Martin Linz ist Diplom-Ingenieur, Stadtplaner und Alumnus der Harvard University. Er hat sich auf die Projektentwicklung im Wohnungs- und Städtebau spezialisiert und verfügt über eine fast 20-jährige Erfahrung in der Baubranche mit Schwerpunkt im Projektmanagement und der operativen Projektleitung. Seit 2011 war Martin Linz für die STOFANEL Investment AG als Senior Projektmanager und später auch als Handelsbevollmächtigter tätig. Er verantwortete in dieser Zeit mehrere hochwertige Wohnprojekte, unter anderem im Rahmen der Quartiersentwicklung „FüNF MORGEN Dahlem Urban Village“. Weitere berufliche Stationen waren die United Land Gruppe, [phase eins], die Berliner Controlling-Gesellschaft für die Immobilien-Altrisiken mbH und Viterra Baupartner AG.


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IN DER PRESSE

Neubauten fürs Alter?